
Ländlich Bleiben
Rural Studies Kolloquium #7 vom 29.-31.Juli 2026

In Verflechtungen von Konflikten, Krisen und Hoffnungen
Zum siebten Rural Studies Kolloquium luden wir nach Nassenerfurth bei Borken (Nordhessen) ins Seminarhaus "Schloss Hirschgarten" ein. In einer Gruppe von neun Promovierenden tauschten wir uns in entspannter Atmosphere über unsere Forschungsarbeiten rund um ländliche Räume aus. Das Rural Studies Kolloquium ist ein wanderndes, selbstorganisiertes Format ohne feste institutionelle Anbindung. Es wurde im Jahr 2021 vom Thünen Institut für Ländliche Räume initiiert und wird jährlich von Promovierenden unterschiedlicher Disziplinen organisiert und weitergegeben. Erstmalig brachten wir das Kolloquium selbst „auf‘s Land“ und beschäftigten uns intensiv mit der Landschaft und den Menschen aus der Gegend. Wir waren offen für Begegnungen und Geschichten.
Bergbaufolgelandschaft Borken
Heimat roch nach Schwefel, erzählten uns Siegfried Bank und Bernd Wettlaufer vom Hessischen Braunkohlemuseum. Als bei einer Kohlestaubexplosion im Tagebau Stolzenbach 51 Kumpel starben, wurde die Region kurz zu Deutschlands Strukturwandelprojekt Nr. 1. Dann fiel die Mauer und die Gegend verlor ihre politische Priorität. Heute erinnern die Seenlandschaft und eine Gedenkstätte an die tragischen Opfer, von denen viele für den Bergbau aus der Türkei migriert waren. In Borken gab es deshalb schon früh eine muslimische Gemeinde, die Zuckerfeste wurden früher von den Kumpels zusammen gefeiert, erzählten Bernd und Siggi. Die beiden teilten mit uns viele emotionale Geschichten - bei der Rettung von sechs Kumpels waren sie damals beteiligt - und führten uns in die Bergbaukohlelandschaft. Obwohl sie selbst nie im Tagebau arbeiteten, sind Braunkohle und schwere Maschienen bis heute ihr Interessensgebiet. Sie erkennen, dass der damalige Kohleabbau die Ursache für die aktuelle Klimakrise ist. Deren Ursachen wie Trockenheit und Hitze sind heute in Nordhessen spürbar. Für den Sommer 2026 meldete das RKI schon im Juli 1.650 Hitzetote in Hessen. Solche konkreten Geschichten machen die Zusammenhänge zwischen Extraktivismus, Migration, Trauer und Klima greifbar und sollten aus unserer Sicht noch stärker in regionale Bildungsprogramme einfließen.


Autobahnen und Gartenkino
Im Seminarraum wurden die mitgebrachten Themen der Teilnehmenden diskutiert. Oft ließen sich konkrete Bezüge zu unseren Erlebnissen aus der Exkursion herstellen - zum Beispiel beim Ausbau der A49, welche die Landschaft zerteilt und weitere CO2 Emissionen produziert. Wir lernten außerdem, dass es in ostdeutschen Provinzen erstaunlich viele queere Orte gibt; dass Pappeln auf Hühner-Betrieben gepflanzt werden, obwohl sie nicht verkauft werden oder, dass die Ästhetik einer griechischen Insellandschaft trotz Waldbränden zum Bleiben einlädt. Und wir hörten Geschichten der Begegnung. Wir bedanken uns bei Marie Laufkötter, Lukas Petersohn, Philipp Merten, Janna Hilker, Daniel Haudenschild und Meike Sonnenberg für die spannenden Forschungs-Beiträge.
Abends luden wir zusammen mit den Kultur.Pflanzen.Knüll zum Gartenkino bei Familie Otto ein. Die direkte Ehrlichkeit des Dramas "Milch ins Feuer" beeindruckte an die 80 Zuschauer*innen. Die Regisseurin Justine Bauer kam extra aus Köln, um uns zu erzählen, wie sie ihre Oma, ihren Bruder und sogar den Hund im Film mitspielen ließ und so eine total vertraute Geschichte über einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb erschuf. Im Anschluss bot sie Anlass mit den Zuschauenden über die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft aber auch im Film ins Gespräch zu kommen.


Ernten und Säen
Und dann luden wir noch Micha Kranixfeld für einen abschließenden Workshop ein. Er ist Künstler und Kulturwissenschaftler. Durch ihn begleitet, verarbeiteten wir unsere unsere Erlebnisse und sponnen Ideen zu einem möglichen Vorhaben zur weiteren Erforschung der Borkener Bergbaufolgelandschaft. Zum feierlichen Abschluss boten wir die Projekte auf unserer kleinen Seminar-Bühne dar. Außerdem gab es am letzten Tag noch eine spontane Führung durch den Kräuterbetrieb unserer Gastgeberin. Schloss Hirschgarten war ein wunderbarer, ruhiger und duftender Ort für unser sommerliches Treffen mit viel zu Entdecken.
Wir bedanken uns herzlich für die leckeren und bestimmt auch voll gesunden Lebensmittel von der Solidarischen Gärtnerei Fuldaaue und dem Mitgliederladen Schmackes aus Kassel. Und das Kollektivcafé Kurbad hat uns mit dem Verleih von Küchenequipment unterstützt.
Von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie - Sektion Ernährung und Landwirtschaft - erhielten wir eine kleine finanzielle Unterstützung für die Realisierung. Das Kolloquium wurde von Lore Graf, Alina Gombert und Lukas Dörrie konzipiert und durchgeführt. Die Fotos machte Lore Graf.


